Tarik Huber erzählt uns von seinem IT-Werdegang und welche Hürden er in dieser Zeit meisterte. Seine Motivation waren die Schafe. Was er genau damit meint, lest ihr im Interview!

Name: Tarik Huber
Beruf: Softwareentwickler
Herkunft / Geboren in: Bugojno – BiH / B. Gradiska – BiH
Lebensmotto: Alles passiert aus einem Grund.
Lieblingswitz vom Balkan: Zwei Studenten gehen zu einer mündlichen Prüfung. Der erste kommt traurig heraus und hat nicht bestanden. Der Nächste fragt ihn, welche Frage er hatte. Er erzählt ihm, dass er das Volumen der Luft berechnen sollte, wenn ein Zug mit geöffnetem Fenster eine gewisse Geschwindigkeit erreicht. Der nächste Student geht hinein und der Professor beginnt mit seiner Frage. „Stell dir vor, du sitzt in einem Zug und es wird heiß. Was machst du?“ Der Student sagt: „Ich mache die Klimaanlage an.“ Der Professor entgegnet: „Es gibt keine. Was kannst du sonst noch machen?“ Der Student sagt: „Ich ziehe meine Jacke aus.“ Darauf wieder der Professor: „Es wird sehr, sehr heiß.“ Der Student erwidert: „Dann ziehe ich mein Hemd aus.“ „Es wird noch heißer“, fährt der Professor fort. „Ich ziehe meine Hose aus“, antwortet der Student. Der Professor wird nervös und sagt, es würde noch viel heißer. Der Student antwortet: „Egal wie heiß es wird, ich mache das verdammte Fenster nie auf!“
Das finde ich schräg/lustig/krass: Die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenzen. Die Menschen sollten diesem viel mehr Beachtung geben.
Das motiviert mich: Ich will keine Schafe hüten.
Die Schafe verfolgen dich wortwörtlich auf deiner Reise. Erzähle uns deine Geschichte.
Wir waren in den 90ern Flüchtlinge in Erfurt, wo ich die ersten drei Schuljahre beendet habe. Dadurch haben mein Bruder und ich Deutsch gelernt und zum Glück nie verlernt. 1998 sind wir zurück nach Bosnien gezogen. Um ehrlich zu sein, habe ich mich nie richtig wohl oder willkommen in Bosnien gefühlt. Zum einen, weil „Deutschland“ im Vergleich zu „Bosnien“ nach einem Krieg für ein Kind nicht besonders viel zu bieten hatte. Zum anderen, weil wir (auch mein Bruder) uns als Fremde gefühlt haben. Wir waren die „verwöhnten“ Kinder aus Deutschland. Für mich war immer klar, dass ich zurück nach Deutschland kommen will.
Während der Grundschule und des Gymnasiums haben wir als Familie sehr viele Tiere gehalten. Mein Bruder und ich haben sehr viel mit ihnen gearbeitet und den ganzen Sommer damit verbracht, Heu zu sammeln und alles für den Winter vorzubereiten. Wir haben auch regelmäßig Schafe und Ziegen gehütet.
Nach der Grundschule und dem Gymnasium habe ich Verkehr und Kommunikation an der Universität in Sarajevo studiert. Eigentlich wollte ich immer in die IT-Branche gehen, aber meine Familie hat mich überredet, Verkehr zu studieren, weil es „leichter“ sein sollte. Das Studium war relativ leicht für mich, die Behausung leider nicht. Ich habe fünf Jahre in einem kleinen Vorort von Sarajevo namens Vogosca verbracht und ging jeden Tag auf einen Berg in ein Wochenendhaus. Der Berg war so steil, dass im Winter kaum ein Auto bis ganz oben gekommen ist. Meine Motivation, das Studium zu beenden, war immer die Drohung von meinem Vater, dass er, falls ich das Studium nicht schaffe, noch 100 Schafe kauft und ich auf diese aufpassen kann.
Gleich 1-2 Wochen nach Abschluss meines Masterstudiums kam ich nach Freilassing, um meine Tante zu besuchen. Kurze Zeit davor hat man den Bosniern erlaubt, für 3 Monate ohne Visum nach Deutschland zu kommen. Ich wollte alles geben, um nach Deutschland zu kommen. Mein Plan war es, ein Praktikum zu finden und umsonst zu arbeiten, um nach 6 Monaten wieder nach Deutschland zu kommen und danach mit der Erfahrung der ersten 3 Monate eine richtige Anstellung zu finden. Nach unendlich vielen Lebensläufen und gesendeten CVs hat mich ein Bekannter meiner Tante bei einem seiner Freunde mit einer Spedition empfohlen. Da ich Verkehr und Kommunikation studiert habe, hat das perfekt gepasst.
Erst da habe ich bemerkt, dass man nach 5 Jahren Studium vieles weiß, aber nicht viel kann. Daher habe ich viel Kaffee gemacht, sehr, sehr viel kopiert und noch mehr Dokumente gescannt. Ich war so froh, dass ich nicht auf dem Feld arbeiten musste, keinen Kanal graben musste, keinen Beton fahren und machen musste. Alle Arbeiten, die ich erledigt habe, waren für mich ein Klacks. Nichts war mir zu schwer, und ich war mir für nichts zu schade.
Ungefähr in der Zeit, als ich das Praktikum gemacht habe, kam wieder ein neues Gesetz heraus. Es erleichterte Personen mit einem höheren Abschluss in Deutschland, ein Visum zu bekommen. Die „Blaue Karte“. Bevor die 3 Monate meines Praktikums zu Ende gingen, bot mir die Firma einen Arbeitsvertrag an. Nicht wegen des Abschlusses oder weil ich programmieren konnte (denn damals konnte ich es nicht), sondern weil ich einfach sehr fleißig war.
Wie begann deine IT-Karriere?
Schon während des Praktikums habe ich einigen Mitarbeitern mit ihren PCs und Excel-Problemen geholfen. Mit der Zeit hat sich herumgesprochen, dass „Tarik“ gut mit PCs ist und oft helfen kann. Mit der Zeit sollte ich immer schwierigere Probleme lösen. Nach einer Weile konnten die Anforderungen nicht mit Excel gelöst werden, sodass wir angefangen haben, Access zu verwenden und als das nicht reichte, echte SQL-Datenbanken und Benutzeroberflächen und Logik mit der Sprache C#. Wir haben viel experimentiert und so, wie ich mich entwickelt habe und meine Programme, wurde das Unternehmen effizienter. Alles, was ich dazu gebraucht habe, war Google und ein paar gut gestellte Fragen zu einem Problem.
Alles ist so unglaublich gut gelaufen. Alle notwendigen Gesetze sind genau im richtigen Moment herausgekommen, sodass ich in Deutschland arbeiten und leben kann.
Nach ungefähr 2 Jahren in Deutschland habe ich Krebs bekommen. Und Gott sei Dank war ich in dem Moment in Deutschland. Sonst würdet ihr das hier sicher nicht lesen. Zum Glück habe ich meine ganze Kindheit damit verbracht, auf dem Feld zu arbeiten und Berge hochzugehen, sodass ich in Topform war, um die Chemotherapien auszuhalten. Es war ein Kampf mit vielen OPs und Komplikationen dabei.
Es ist das Beste, was mir passieren konnte! Ich liebe das Zitat: „Wir haben zwei Leben, und das zweite beginnt, wenn wir erkennen, dass wir nur eines haben.“ Der Krebs hat mir gezeigt, dass wir nur ein Leben haben und wir jeden Tag, jede Stunde, Minute und Sekunde genießen und schätzen sollten. Im Krankenhaus während der Chemotherapien habe ich mir Gedanken gemacht, was ich mache, falls ich es überlebe. Eine der Sachen, die ich ändern wollte, waren meine Fähigkeiten als Programmierer. Also habe ich mir dicke Bücher darüber bestellt und diese im Krankenhaus gelesen. Mein Laptop musste auch dabei sein. In dieser Zeit habe ich ein Framework geplant und angefangen zu schreiben. Aufgrund dessen sind viele Programme für unser Unternehmen und sogar andere entstanden. Die meisten davon laufen noch heute.
Bald danach habe ich angefangen, Programme für das Web zu machen, und habe mich in diesem Bereich spezialisiert. Kurze Zeit danach habe ich angefangen, Apps für Android und iOS zu machen, sodass ich inzwischen Apps und Programme für jede denkbare Plattform machen kann.
Zwei Jahre nach meiner Krebsdiagnose habe ich geheiratet, und heute haben wir zwei wunderschöne Prinzessinnen. Wir bereisen die Welt so viel wir können. Der Papa hat gelernt, dass man nur ein Leben hat.
Welche Apps entwickelst du und gibt es etwas richtig cooles, wovon du uns erzählen möchtest?
Momentan ist meine Lieblings-App die STASH App aus Zürich. Es ist ein Lieferdienst, mit dem man innerhalb von Minuten etwas zu sich nach Hause geliefert bekommt. Da habe ich nicht nur die App für die Endkunden gemacht, sondern auch die App für die „Rider“, die mit dem Fahrrad die Ware ausliefern. Ich war auch zwei Mal in Zürich und habe beide Male zur Probe selber ausgeliefert, um selber zu sehen, wie die App in echt funktioniert. Dazu kommt auch das Dashboard zur Auswertung aller Daten von mir.
Eine Sache, die ich sehr cool finde, ist, dass die Spedition, für die ich gearbeitet habe, viele der Supermärkte in unserer Umgebung beliefert und auch der Früchte Maier in Piding benutzt meine Software, um alle Bestellungen zu organisieren und die Ware zu kommissionieren. Sie bedienen viele Krankenhäuser, Hotels und Restaurants in BGL und Salzburg. Die meisten Lager im Industriegebiet von Freilassing arbeiten mit einer Lagerverwaltungssoftware von mir mit Android-Handys, mit denen man die Ware mit Infrarot-Scannern scannen kann. Wenn man in Freilassing oder Salzburg wohnt, hat man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit etwas gegessen oder gekauft, das über eines meiner Programme gelaufen ist.
In der Spedition haben alle Fahrer eine App für die Aufträge. Alle Prozesse dazu sind komplett papierlos. Und das schon seit über 5 Jahren. Die coole Sache dabei ist, dass die App einen Chat hat für die Kommunikation zwischen Fahrer und Disponent, der automatisch alles übersetzt. Damit haben wir vielen LKW-Fahrern, die Deutsch nicht gut können, geholfen, leichter mit uns zu kommunizieren und nebenbei auch besser Deutsch zu lernen, weil sie im Chat ihre Nachricht sehen und die Übersetzung dazu.
Du bist Selbstständig, wie bist du dazu gekommen, was waren die Gründe dich Selbstständig zu machen?
Einmal habe ich ein Interview mit Jack Ma (CEO von Alibaba) gesehen, in dem er sagte, dass man in seinen 20ern in einer Firma sein und dort so viel lernen sollte, wie nur möglich. In den 30ern sollte man sich selbstständig machen und versuchen, erfolgreich zu sein. Es geht noch weiter, aber das war einer der Beweggründe, meine Selbstständigkeit zu starten. Das Konzept dahinter hat mir wirklich gefallen. Gleich nach meinem 30. Geburtstag habe ich mein Gewerbe angemeldet – ohne Kunden, ohne Plan und ohne große Erwartungen. Durch meine zuverlässige Arbeitsweise und Treue zu meinen Kunden kamen mit der Zeit immer mehr dazu. Inzwischen habe Ich ein Team von Entwicklern in Bosnien, mit denen wir alle Anforderungen unserer Kunden erfüllen können.
Kannst du uns mehr über die Women Techmakers Gruppe erzählen, welche Rolle nimmst du dabei ein?
Die Woman Techmakers ist eine Community mit über 80.000 Mitgliedern, die Frauen in der IT unterstützt. Jeder kann ein Botschafter in der Community werden, um dabei zu helfen.
Ich bin Teil der Google Developers Group Community als Leiter der Google Developer Group Berchtesgadener Land. Dabei geht es einfach darum, dass sich Menschen aus der IT-Branche treffen und über ihren Alltag, Probleme und Ideen reden. Da „wir“ viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen, sind solche Treffen immer ein kleines Highlight. Es ist nicht nur für Programmierer oder IT-Spezialisten. Jeder ist willkommen. Manchmal machen wir auch Schulungen für Anfänger oder Präsentationen, um zu zeigen, wie etwas funktioniert. Dabei achten wir immer darauf, dass es nicht nur für die Profis ist, sondern auch Nicht-IT-Besucher etwas erfahren und lernen können.
Wieso unterrichtest du?
Wenn man ein Experte auf einem Gebiet sein will, sollte man das entsprechende Thema lehren.
Ursprünglich wollte ich studieren. Um meine Google Developer Group BGL zu vermarkten, besuchte ich andere Programmierer-Communities in Salzburg. Schon beim ersten Event lernte ich Brigitte von der FH Salzburg kennen, da sie das Event organisiert hatte. Dabei erzählte ich ihr über die PWAs (Progressive Web Apps) und wie wir diese in der Spedition einsetzen. Das Thema gefiel ihr und sie bat mich, beim nächsten Event einen Vortrag darüber zu halten. Ohne zu wissen, was auf mich zukommt, stimmte ich zu.
Beim nächsten Event waren mehr als 60 Personen anwesend. Die meisten waren selbst Entwickler. Man kann sich meine Bühnenangst kaum vorstellen. Ich gab mir wirklich Mühe mit der Präsentation, weil ich Brigitte fragen wollte, ob ich an der FH Salzburg studieren kann, um einen Abschluss in der IT-Branche zu bekommen. Zum Glück war sie von meiner Präsentation so begeistert, dass sie mir zuvorkam und mich fragte, ob ich dort unterrichten wolle.
Manchmal muss man einfach am richtigen Ort zur richtigen Zeit sein. Dafür muss man aber solche Orte besuchen, wo sich Gelegenheiten ergeben. In der IT sind das solche Events, Meetups, große und kleine Konferenzen. Deswegen bin ich froh, dass ich einen kleinen Beitrag dazu leiste und unsere Google Developer Group BGL Meetups organisiere.
Das Internet und alle neuen Technologien geben uns das Gefühl, dass wir die ganze Welt und alle Menschen darin in unseren Händen am Handy haben, um mit ihnen zu kommunizieren. Keine andere Branche gibt sich so viel Mühe, dass wir uns so oft wie möglich persönlich treffen und unsere Erfahrungen austauschen.
Es ist mir eine Ehre, junge Menschen an der FH Salzburg zu unterrichten und bald auch an einer Universität in Paris. Genauso bin ich sehr dankbar, dass ich die GDG BGL Meetups organisieren kann und unseren Entwicklern vor Ort einen Raum schaffe, wo wir uns alle treffen können. Auch allen, die sich für die Materie interessieren, erleichtern wir die ersten Schritte, indem wir so gut helfen und informieren, wie wir können.
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